Mein täglicher Weg

Mein täglicher Weg, also der, der am Ende an meinen Arbeitsplatz führt, ist mittlerweile ein recht strenger geworden. Also nicht der Weg an sich ist streng, der ist so streng, wie er in Wien halt streng sein kann, also je nach Perspektive und Lebensmut wahnsinnig streng, zermürbernd und fordernd oder eigentlich eh ganz angenehm, nein, nicht der Weg ist streng, sondern der Zeitplan. Militärische Feldherren wären wohl stolz darauf, wie minütiös ich Morgenschiss, Dusche, Anziehen, Frühstückshappen, Zusammenpacken und schließlich aus der Haustür raushechten in ein Korsett gepackt habe, das zwar Platz für Toleranzen findet, aber nicht für besonders große.

So ist auch der weitere Weg, der hinter der Haustür, einem Regieplan unterworfen, bei dem es Platz für neue Takes gibt, aber der so aufgebaut ist, dass eigentlich nichts schiefgehen kann.

Also fahre ich immer mit der selben Straßenbahn (auch wenn es freilich nicht immer die selbe ist), fahre immer mit den selben Aufzügen und schiebe mich in die selbe U-Bahn, Tag für Tag. Und dabei habe ich einen Begleiter, der scheinbar ähnlich viel von einem geregelten Start in den Tag hält, wie ich, und so kommt es, dass wir fast jeden Tag an der selben Stelle in die selbe Bim einsteigen, an der selben Stelle wieder aussteigen, mit den selben Aufzügen fahren und schließlich in die selbe U-Bahn hineinhuschen. Dort verlieren wir uns dann aus den Augen, wir sind ja schließlich weder pervers, noch Privatdetektive. Wir grüßen uns nicht, wir schauen uns nicht an, aber ich bin mir sicher, er weiß um mich genauso Bescheid, wie ich um ihn.

Und seit ein paar Tagen beschäftigt mich ein konkretes Szenario: Was, wenn der Typ wirklich pervers ist? Oder verrückt? Oder ein Krimineller? Was, wenn der Typ irgendwann auf die Idee kommt, es wäre an der Zeit, ein Zeichen zu setzen, und ein Kinderheim in die Luft jagt? Oder noch schlimmer: Eine Bankenzentrale?

Dann würde die Polizei wohl wissen wollen, wer ihn kannte, wie das denn passieren konnte. Und dann würde die Polizei wohl auch Überwachungsvideos schauen, und irgendwann würde die Polizei auf vielen Videos diesen Dicken mit dem Bart erkennen, Tag für Tag, Tag für Tag, und schon wäre ich auf deren Liste. Weil ich könnt ihm ja zitzerlweise eine Bombe in die Jacke geschoben haben, oder was weiß ich. Und dann würde die Polizei weiterforschen, irgendwann draufkommen, wer ich bin, wo ich wohne, wie ich heiße. Dann würde die Polizei beginnen, zu forschen, mit wem ich telefoniere, mit wem ich SMS, wann ich von welcher Adresse aus meine Pornos im Internet geschaut habe, und dergleichen mehr. Und würde ihnen daran irgendwann irgendwas nicht gefallen, stehen sie dann in meiner Tür beziehungsweise in ihren Resten.

Zukunftsparanoia? Ganz sicher. Aber nicht fern der Realität. Vielleicht fahr ich ab jetzt öfter mal mit dem Rad.