Offener Brief: Abschied von Michael Häupl

Sehr geehrter Herr Häupl!

Sie werden mir fehlen. Als Bürgermeister. Sie sind der einzige Wiener Bürgermeister, den ich kenne, von Helmut Zilk ist mir eigentlich, so zynisch das klingt, nur seine fehlende Hand in Erinnerung, ich bin noch nicht so alt.

Meiner Wahrnehmung nach sind Sie überhaupt der einzige Bürgermeister, den es gibt. Sie sind Wien. Man müsste lange suchen, um jemanden zu finden, der das Lebensgefühl, den Status, die Wahrnehmung einer Stadt, dieser Stadt, besser verkörpert, als Sie. Wien ist ein spritzertrinkender, pardon, spritzergenießender, weltoffener Mensch mit genügend Distanz zu sich selbst. Und grantig. Aus den richtigen, und aus den falschen Gründen.

Sie haben dieser Stadt viel gegeben, und auch, wenn jetzt irgendwelche Zahlenfreaks irgendwas von Schulden reden, spüren die meisten in dieser Stadt: Wien ist heute besser als vor Ihrer Amtszeit.

Wenn Sie dieser Stadt noch einen letzten großen Dienst erweisen möchten, dann nehmen Sie sich bitte die Zeit und die Energie, die Sie zuletzt vielleicht nicht hatten, um mit Ihrem Nachfolger zu reden. Darüber, was Sozialdemokratie ist. Was Verantwortung ist. Was Politik ist. Was Heimat ist. Was Gesellschaft ist. Was es bedeutet, Kompromisse einzugehen. Wie es geht, eine Meinung zu haben, die auch Widerständen gegenüber gilt. Bitte.

Denn, und das werden Sie wissen: Die Gefahr ist groß, dass vieles von dem, was Sie erreicht haben, schnell abmontiert wird. Und so alt sind Sie nicht, dass Sie das nicht noch spüren würden. Und ich glaube, nein, ich bin überzeugt davon, dass Sie es spüren würden.

Viel Erfolg beim Erklären. Bitte!

Alles Gute im Ruhestand!

Das Problem mit sexueller Belästigung und wieso es Männer nicht verstehen

In regelmäßigen Abständen gibt es in den Medien ein Bauernopfer: Ein „starker“ Mann wird exemplarisch abmontiert, so zuletzt mit Harvey Weindingsi, um zu zeigen, dass unsere Gesellschaft sexuelle Belästigung nicht (mehr) toleriert, dass die alten Zeiten vorbei sind. Supa. Bei Donald Trump hat es ja nicht funktioniert, der ist jetzt sogar Präsident und damit bewegen wir uns schon in Richtung des Problems.

Das Problem ist, dass die (wahrscheinlich überwiegende) Mehrheit der Männer das, was diese Menschen machen, eigentlich ok finden, irgendwie. Wenn man uns sagt: „Stell dir vor, Frauen würden dich Schatzi rufen, ungefragt mit dir flirten und trotz mehrfacher Aufforderung, das zu lassen, weitermachen. Stell dir vor, Frauen würden dir einfach so an den Arsch oder den Schwanz fassen.“ Die meisten Männer würden sagen: „Leiwand!“

Wir verstehen nicht, dass das eigentlich überhaupt nicht in Ordnung ist, weil wir nicht wissen, was normaler Kontakt, ein normales Gespräch mit Frauen ist. Weil uns nie passiert, dass jemand freiwillig mit uns redet, oder mit uns interagiert. Weil dem einzigen sozialen oder körperlichen Kontakt, den wir kennen, irgendeine Art von Nötigung vorangeht, oder zumindest nehmen wir das in unseren Köpfen so wahr. „Hab meiner Oidn wieder Geschenke kaufen müssen, damits mi pudert.“

Der Knopf im Kopf des Mannes ist riesig und über Jahrhunderte an „Programmierung“ entwickelt worden. Dieser Knopf muss gelöst werden und das gelingt womöglich nicht innerhalb einer Generation (auch wenn ich das sehr stark hoffe). Dieser Knopf ist keine Entschuldigung, und er hat auch nichts mit Genetik zu tun (und selbst wenn: Die Zeiten sind passé).

Dass Mann und Frau sich auch einfach auf Augenhöhe und respektvoll begegnen können, wie zwei gleiche Menschen eben, das ist für viele Männer geradezu ein Geheimnis.

Wir Männer müssen daran arbeiten, wir Männer müssen dafür sorgen, dass wir diese archaischen Vorstellungen und Verhaltensweisen abstellen. Es gibt keine Entschuldigung, Frauen zu belästigen (egal ob sie „scharf“ aussehen, Decollete zeigen, einen kurzen Rock tragen oder du betrunken bist, auch eine Beziehung oder sogar Ehe ist kein Grund), es gibt keine Entschuldigung, nicht entschieden gegen diese Art von Verhalten einzutreten, wenn man Zeuge davon wird. Jedes Mal, wenn wir es mitbekommen und nichts sagen oder unternehmen, tragen wir dazu bei, dass Belästigungen und Schlimmeres weitergehen.

Es ist unglaublich schwierig, auszusprechen, wenn man Opfer so einer Situation wird. Weil es entweder Tabu ist, oder weil man mit einem „Geh bitte, das kann ich mir nicht vorstellen“ konfrontiert wird, egal, welche Position man hat (siehe Weindingsi und wieviele Frauen und Männer es gebraucht hat, um ihn aufzudecken, und siehe Trump, wie es nicht gelungen ist). Man bekommt es auch oft nicht mit, was passiert, auch in einer Beziehung nicht.

#metoo zeigt uns Männern gerade sehr deutlich, von welchem Ausmaß wir hier sprechen, wieviele davon betroffen sind. Spätestens jetzt dürfen wir auch nicht mehr sagen, wir hätten nichts davon gewusst.

Der Ewige Wahlkampf

Jetzt ist es bald vorbei. In wenigen Stunden wird der längste Wahlkampf der österreichischen Geschichte zu Ende gehen. Die Kandidaten werden sich die Hand geben, ähnlich wie in den USA schwören, dass sie sich helfen werden, Österreich zu einem besseren Land zu machen, bla, bla, bla.

Weil es für die zwei Profis (denn das sind sie, auch wenn sie oft nicht so gewirkt haben) tatsächlich vorbei sein wird. Für sie gehört der Wahlkampf zum Geschäft, für sie geht es darum, zu polarisieren, Schlagzeilen zu schreiben, damit sie schließlich mehr Stimmen bekommen, als der andere, bzw. als die andere Partei. Für sie ist es das Selbstverständlichste der Welt, jemanden an einem Tag als kommunistischen Spion oder als Nazi zu bezeichnen, um am nächsten Tag am selben Mittagstisch zu sitzen und Witzchen zu machen. Das ist an sich auch nicht das große Problem, als Mensch mit halbwegs Lebenserfahrung und/oder offenen Augen weiß man das ja eh.

Das große Problem an so einem langen Wahlkampf ist allerdings, dass die Gräben, die zwischen den Parteien aufgerissen werden, in der Bevölkerung, dass diese Gräben nicht so einfach wieder zugeschüttet werden können. Denn was für Politprofis gewissermaßen normal ist, nämlich das polarisieren, das Ausspielen das Positionen, das hat auf die Bevölkerung echte Auswirkungen. Weil die Bevölkerung meist nicht versteht, dass sie manipuliert wird, und die meisten Aussagen für bare Münze nimmt (oder resigniert). Je länger ein Wahlkampf dauert, desto länger hat man die Möglichkeit, zu beeinflussen, und irgendwann wird das, was eigentlich kein Feuer werden möchte, so stark angefacht und in Bewegung gebracht, dass es auf einmal zu brennen beginnt. Und die, die angefacht haben, glauben, dass sie problemlos das Feuer wieder löschen können, untereinander gelingt es ihnen ja ständig und problemlos. Sie haben allerdings, wie so häufig in der heutigen Politik, auf das Volk vergessen und dass es bei einem Flächenbrand in der Bevölkerung womöglich nicht mehr möglich ist, zu reparieren, was auseinandergerissen wurde.

Natürlich gibt es Fraktionen, Parteien und Menschen in diesem Land, die daran großes Interesse haben. Die es nicht aushalten, ohne Spaltung zu leben, weil sie in Zeiten der Harmonie keine Antworten und keine Ideen anbieten können, weil sie nicht konstruktiv denken können oder wollen. Für diese Menschen ist die Länge dieses Wahlkampfs natürlich ein Geschenk.

Aber unsere Demokratie wurde nie dafür geschaffen. Sie wurde geschaffen, um möglichst allen eine Stimme zu geben, um möglichst allen die Möglichkeit zu geben, an politischen Prozessen teilzunehmen, aber sie wurde nie für den Zustand eines Dauerwahlkampfs gedacht. Weil die meisten von uns sich mit Politik nicht in dem Ausmaß befassen können, wie es notwendig wäre. Weil die meisten von uns aus diesem Grund diese Arbeit den Politprofis überlassen. Weil der Sinn von Wahlen der ist, dass wir Repräsentantinnen und Repräsentanten die Befähigung geben, in unserem Sinne zu entscheiden (zumindest theoretisch). Weil wir nicht über jedes einzelne Detail entscheiden wollen und können (weil uns in den meisten Fällen der Einblicke fehlt und wir dann beeinflussbar werden), weil wir uns darauf verlassen müssen, was diese Politikprofis mit unserer Stimme machen.

Und in letzter Zeit ist es aus dem Ruder gelaufen, wurde Schindluder mit unseren Stimmen betrieben. Aber es wurde auch der Stimmenfang in eine neue Dimension geholt, eine Dimension, mit der wir nicht umgehen können. Weil wir eben nicht Profis sind und von einem Tag auf den anderen die spaltenden Botschaften richtig bewerten können. Oder vergessen können, um uns am nächsten Tag wieder die Hand zu geben.

Ich hoffe wirklich, dass wir am Sonntag fürs Erste genug davon gehabt haben. Dass wir keinen Präsidenten wählen, der in weiterer Folge auch alles in seiner Macht liegende tun würde, um den nächsten Wahlkampf zu starten. Ich hoffe, dass Österreich ausnahmsweise mal eine Vorreiterrolle einnimmt und gegen den internationalen Trend der Spaltung und des Zündelns wählt und zum Vorbild wird, für Demokratie, für ein Miteinander.

Ich weiß nämlich leider nicht, was als Nächstes kommt, wenn das nicht eintritt. Aber es wird sicher nichts Gutes.

Österreich und Europa, wie hammas?

Die Ausgangslage

Irgendetwas ist in den letzten Jahren passiert: Unsere Wirtschaft ist zusammengebrochen, um Europa herum haben sich bewaffnete Konflikte, egal ob Kriege zwischen Ländern oder Bürgerkriege, wieder gehäuft, und auch innerhalb Europas wurden Grenzen verschoben, in der Ukraine herrscht zur Zeit nicht unbedingt etwas, das man als Frieden bezeichnen könnte.

Die Europäische Union hat in letzter Zeit in wirtschaftlicher Hinsicht nicht unbedingt besonders große Solidarität gezeigt, und auch in dem, was gemeinhin als Flüchtlingskrise oder -welle bezeichnet wird, hat sich in den letzten Wochen und Monaten gezeigt, welch Gesicht diese Europäische Union leider in Wahrheit noch hat: Solange alles ok ist und solange die meisten von ihr profitieren, ist alles leiwand. Sobald es aber darum geht, einander und anderen zu helfen, auch unter dem Verzicht auf eigene Privilegien, da ist es dann ganz schnell wieder vorbei mit den europäischen Ideen. Die Hand streckt man gerne aus, solange etwas in diese hineingelegt wird, wenn man aber eventuell etwas hergeben muss, zieht man die Hand schnell wieder hinter den eigenen Zaun zurück.

Ungarn und Polen haben sich in dieser Hinsicht hervorgetan, ihre Regierungen, teilweise neu, teilweise gefühlt schon ur alt, haben es geschafft, antidemokratische Strukturen zu schaffen und sind nicht mehr weit davon entfernt, sich von der Demokratie zu verabschieden. Dass sich beide genau null dafür interessieren, Flüchtlinge aus dem Nahen Osten aufzunehmen, ist dabei eigentlich fast schon eine Nebennotiz geworden.

Und das obwohl Ungarn als erstes europäisches Land etwas gemacht hat, was eigentlich undenkbar war, nämlich die Grenzen zu schließen. Aber wie wir gesehen haben, folgten viele Länder diesem Vorbild, wir haben im Schengenraum auf einmal überraschend viele Gelegenheiten, um als europäische StaatsbürgerInnen unseren Pass vorzuweisen.

Auch Österreich hat sich gedacht, dass das eigentlich eine super Lösung ist, so eine Grenze, so ein Zaun. Wies halt in Österreich so ist, wurde natürlich kein Zaun gebaut, sondern irgendwas mit Türln, oder wie auch immer.

Mit dem neuen Jahr hat Österreich aber zum Überholmanöver angesetzt und hat die Lösung aller Lösungen für die Frage, was man mit den vielen Flüchtlingen in Europa anstellen soll, gefunden: Wir führen Obergrenzen ein. Oder Richtlinien. Oder ähnliches. 37500 dürfen dieses Jahr nach Österreich, bis 2019 127500. Dass diese Richtlinie oder Obergrenze gegen internationales Recht verstößt, dass diese Obergrenze realistischerweise nur mit einer enorm hohen Präsenz an Sicherheitskräften an den Grenzen zu sichern ist (wenn überhaupt), das ist den Verantwortlichen egal. Denn ihnen schwimmen die Felle davon, in Richtung FPÖ, die die Stimmung, die sie selbst mit aufgeheizt haben, leider verdammt gut zu nutzen weiß. Mit frei Erfundenem, aber auch mit dem Ausspielen von Vorhandenem. Österreich befindet sich, so scheint es, in Geiselhaft.

Außenminister Kurz rennt durch Europa und sagt, dass Österreich sich verteidigen müsse. Weil Österreich das alles selbst nicht schafft, weil es nicht sein kann, dass 3 Länder (Österreich, Deutschland und Schweden) die Last allein aufteilt. Und es gibt in nämlichen Ländern, vor allem in Deutschland, viele, die ihm zustimmen und die Lösung mit den Obergrenzen begrüßen und nachahmenswert finden. Aber wir kennen bereits, was üblicherweise passiert, wenn zuerst die Wirtschaft einbricht, sich dann die Stimmung auflädt und dann Deutschland auf Österreich hört, oder?

2015, im Sommer und danach

Versuchen wir, die Situation sachlich zu betrachten: Im letzten Jahr sind ca. 90000 Flüchtlinge nach Österreich gekommen. Rein rechnerisch gesehen teilen sich ca. 89 ÖsterreicherInnen einen Flüchtling. Die Regierung sagt zwar, dass sie letztes Jahr Großes geleistet hat, aber es waren Tausende Freiwillige, die die Leute, die teilweise sehr lange Wege hinter sich hatten, vor Schlimmeren zu bewahren. Die Regierung, allen voran unser Bundeskanzler, glaubten wohl, dass sich das Problem während ihres Sommerurlaubs in Luft auflösen wird, aber die Welt ist halt gemein, und so wurde es nach monatelangem Stillstand so etwas ähnliches wie Hilfe organisiert, von offizieller Seite.

Es wurde Christian Konrad als Koordinator für Flüchtlingsunterkünfte bestellt, eine Wahl, die ich zunächst kritisiert habe. Aber etwas Interessantes ist passiert: Während die Regierung und zunächst vor allem die ÖVP, quasi die Heimatpartei von Konrad, stets betonte,dass sich das alles nicht ausgeht, dass Österreich nicht genug Ressourcen hat, dass Österreich das nicht allein stemmen kann, meint Konrad: Es geht sich aus. Wenn man will. Und da der Herr seine Karriere auch einem relativ nüchternen Zugang zu Zahlen verdankt und auch nicht dazu neigt, dass Rosane vom Baum herunterzuversprechen, kann ich mir durchaus vorstellen, dass er Recht hat. Denn Ressourcen sind nicht das Problem, zumindest nicht der Mangel ebenjener, darauf kommen wir noch zu sprechen.

Jedenfalls war der Sommer kein Ruhmesblatt und man kann eigentlich nur von Glück sprechen, dass der Winter sich dieses Jahr ordentlich Zeit gelassen hat. Vor allem wenn man an die Bilder vom ersten Kälteeinbruch im Herbst zurückdenkt, mit Tausenden Leuten, die entlang ostösterreichischer Autobahnen zu Fuss unterwegs sind. Das soll aber nicht heißen, dass die Versorgung dieser Menschen derzeit gut funktioniert, der Grund dafür sind allerdings wiederum nicht der Mangel an Ressourcen, sondern der Mangel an Wille. Man muss Österreichs Attraktivität schließlich senken.

Die Aufhitzung

Anfangs herrschte noch eine gewisse Indifferenz der Flüchtlingswelle gegenüber, viele dachten wohl, ähnlich wie die Regierung, dass es sich hierbei um eine temporäre Situation handelte. Nach einiger Zeit brach aber so etwas ähnliches wie eine Euphorie aus, Freiwillige halfen, holten Leute aus Budapest ab, fuhren an die Grenze, und, und, und. Es gab große Demonstrationen, die die Regierung endlich zum Handeln, zum Helfen aufforderten.

Aber die Stimmung kippte leider sehr schnell, und beständig. Weil Linke zu sehr romantisierten, davon redeten, dass alle kommen sollen, die wollen, dass alles ok ist, wenn man nur will. Und Rechte damit begannen, Ängste zu schüren, und zwar die, die immer geschürt werden. „Sie nehmen euch die Arbeit weg, und euren Wohlstand.“

Seit Köln ist dann noch eine Dimension dazugekommen: „Sie nehmen euch die Frauen weg. Und vergewaltigen sie.“

Verschiedene Kulturen, verschiedene Perspektiven

Meine erste Reaktion auf diese Vorwürfe war Zynismus. Weil ich mir einbilde, dass sexuelle Belästigung und Vergewaltigungen nicht erst seit der Silvesternacht 2016 in unseren Breitengraden bekannt sind. Aber versuchen wir auch hier eine sachliche Perspektive aufzubauen: Wir haben in Österreich ca. genauso viel Erfahrung mit der Demokratie an sich, wie mit dem Wahlrecht für Frauen, das ist eine gute Sache, auch wenn wir mit der Demokratie an sich jetzt noch nicht wahnsinnig viel Erfahrung haben. Frauen durften sehr lange Zeit nur mit dem Einverständnis ihrer Männer arbeiten, das ist zum Beispiel etwas, das in anderen Ländern früher als Unsinn erkannt wurde.

Auch heute gibt es noch einige Dinge, die zwischen Frauen und Männern nicht gleich sind: Das Einkommen, zum Beispiel. Oder die Anzahl an Frauen in der Spitzenpolitik oder in Spitzenpositionen von Unternehmen. Oder die Frage, wer sich nach der Geburt ums Kind kümmert. Und, und, und, und. Mal davon abgesehen, dass auch sexuelle Belästigung (Pograpsch-Paragraph, anyone?) und Vergewaltigungen natürlich gesellschaftlich verachtet, aber strafrechtlich noch immer eher zurückhandelt bearbeitet werden. Machen wirs kurz: Lehnen wir uns in Sachen Gleichberechtigung nicht weiter aus dem Fenster, als uns gut tut.

Oberflächlich könnte man sagen, dass wir unsere Frauen nicht in komische Gewänder stecken. Aber das tun auch Aufgeklärte aus dem Nahen Osten nicht, und die Mehrzahl der Leute, die nach Europa flüchten, sind nicht so eng mit ihrer Religion verbunden, sie flüchten schließlich vor religiösen Fanatikern. Aber natürlich muss man Probleme und Differenzen ansprechen, man kann nicht so tun, als ob sie nicht vorhanden wären. Und man muss die Probleme, die durch unterschiedliche Weltanschauungen entstehen, lösen, dabei kann und muss man sich durchaus auf humanistische Werte beziehen und diese auch deutlich einfordern. Was das Totschweigen von bekannten Fakten und das Negieren von verschiedenen Positionen bringt hat nicht zuletzt der Umgang mit den Überfällen in Köln gezeigt.

Am Rande gemerkt: Diese Differenzen scheinen kein Problem zu sein, wenn man über genügend Kapital verfügt. Man sollte sich nur anschauen, wie arabische Gäste mir entsprechend Geld vom österreichischen Tourismus hofiert werden, da sind Gleichberechtigung, Respekt und Religon auf einmal nicht so wichtig.

Stichwort Religion: Auch da sollte man sich in Österreich bissl zusammenreissen, allein dass der Kandidat einer der größten Parteien für die Bundespräsidentschaftswahl der Meinung ist, man sollte Gott in die Bundesverfassung aufnehmen, weil schließlich er es ist, dem die Regierung und wir alle Rechenschaft schuldig sind, zeigt schon, dass wir vielleicht auch nicht ganz so sauber zwischen Religion und Gesetzen trennen, wie es uns wahrscheinlich gut tun würde.

Der Umgang mit dieser Situation

Jedenfalls: Es gibt kulturelle Unterschiede. Im Umgang mit Frauen. Im Umgang mit so vielen. Es gibt sprachliche Unterschiede. Da muss man gar nicht drüber diskutieren, diese Unterschiede darf man auch nicht vom Tisch wischen. Aber: Es muss einen vernünftigen Umgang geben, eine vernünftige Diskussion darüber, was gerade passiert. Man muss den Leuten, die zu uns kommen, um wahrscheinlich in großen Zahlen zu bleiben, um hier ihr neues Leben anzufangen, Perspektiven bieten. Aber auch klare Parameter setzen, keine Frage. Deutsch muss gelernt werden. Man muss die Gesetze in Österreich akzeptieren. Man muss aber seine eigene Identität nicht aufgeben, nur, weil man Deutsch lernt, heißt das nicht, dass man seine Muttersprache aufgeben muss, nur, weil man neue Regelwerke akzeptiert, heißt das nicht, dass man jahre- und jahrzehntelange Erfahrung einfach so vergessen soll. Denn fällt jedem schwer, denn wenn man etwas lange macht, und alle um dich herum das selbe machen, dann fällt es dir schwer, zu akzeptieren, wenn dir jemand sagt: Das ist eigentlich nicht ok, und wir machen das hier anders. Und wenn du hier bleiben und dich an unserer Gesellschaft beteiligen möchtest, dann musst das bitte ändern.

Wer kriminell ist, wer sexuell belästigt oder vergewaltigt, wer Straftaten begeht, all diese Personen haben ihr Recht darauf, in Österreich zu leben, verwirkt, das ist klar. Und diesen Leuten wird die Tür gezeigt, und wenn sie nicht freiwillig durch diese Tür gehen, dann muss man sie eben dazu zwingen. Darüber muss man eigentlich nicht diskutieren, und darüber diskutiert auch niemand, der halbwegs bei Sinnen ist.

Jedoch dürfen folgende Dinge nicht passieren: Wir dürfen nicht von wenigen auf viele schließen. Wir dürfen nicht annehmen, dass einige wenige, die missbrauchen, uns glauben lassen, dass alle so sind.

Wir dürfen nicht annehmen, dass alle nur wegen unserer „sozialen Hängematte“ kommen, nur weil es einige wenige tun, die glauben, sich ein leichteres Leben zu schaffen. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass auch jemand, der oder die nicht vor Bomben und Mord, aber vielleicht vor dem Verhungern flieht, ein Recht auf ein besseres Leben hat. Und wenn dieses Leben in Österreich gelebt wird, unter den Regeln und Rahmenbedingungen, die unsere Gesellschaft vorgibt, dann ist diese Person willkommen.

Der neue kanadische Premier hat vor Kurzem gesagt, dass jeder und jede ein Kanadier oder eine Kanadierin werden kann, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder dem Grund, wieso er oder sie nach Kanada gekommen ist. Solange man sich an die Regeln Kanadas hält, respektiert, wofür dieses Land steht, solange man Teil der Gesellschaft werden möchte und auch einen Beitrag für diese Gesellschaft leistet, ist man willkommen. Österreich kann, Österreich muss sich Kanada zum Vorbild nehmen, schon allein aus historischen Gründen. Und weil wir moralisch verpflichtet sind, Menschen zu helfen, die in Not sind. Punkt.

(Kanada hat auch eine ausgeglichen und sehr divers besetzte Regierung, und als Begründung dafür wird „Because it’s 2015“ ausgesprochen, da könnte Österreich auch lernen)

Perspektiven und Ängste

Also, was tun? Ein Anfang wäre es, wenn in Österreich und in Europa wieder ein sachliche, nicht von Ängsten und Egoismen getriebene Diskussion zu führen. Wir müssen Lösungen finden, wie wir mit den Leuten umgehen, die da sind, wie wir mit den Leuten umgehen, die kommen werden, und wie wir es schaffen, dass nicht noch mehr Leute ihre Heimatländer verlassen müssen. Das kann Europa, das kann die EU schaffen, wenn man sich zusammensetzt.

Wir müssen aber auch im Alltag weg von dem, was in den letzten Wochen gekippt. Wir haben auf einmal Ärzte, die keine Flüchtlinge behandeln möchte, Freibäder, die keine Menschen mit Migrationshintergrund hineinlassen wollen, immer mehr, die sich Pfeffersprays und Gaspistolen kaufen, und wir haben immer mehr Leute, die glauben, dass eine Bürgerwehr eine gute Idee ist. Das Problem daran ist, dass es nicht mehr nur eine Handvoll von RassistInnen ist, die sich in dieser Richtung äußern, sondern eine steigende Anzahl an an sich normalen BürgerInnen, aber auch PolitikerInnen. Die Stimmen der Unvernunft, die Stimmen, die nichts anderes können, als Angst sähen, weil sie nichts anderes kennen, als Angst, Angst vor dem, was fremd ist, diese Stimmen werden mehr und sie werden lauter. Und ihnen wird immer seltener widersprochen, ganz im Gegenteil, sogar die SPÖ hat mittlerweile scheinbar den Schwenk nach rechts endgültig vollzogen, anders kann man sich das, was im Burgenland, aber auch in der Bundespolitik passiert, eigentlich nicht erklären.

Aber das Fremde wird fremd bleiben, wenn man nicht zulässt, dass man es kennenlernt, dass man sich kennenlernt, dass man herausfindet, welche Gemeinsamkeiten man hat, und auch über die Unterschiede redet. Das hat nichts mit Sozialromantik zu tun, sondern mit einem eigentlich zu tiefst menschlichen Instinkt, nämlich, dass wir nicht allein sein wollen oder können.

Wir müssen weg davon, uns darüber zu unterhalten, ob wir weitere 30000, 50000, 100000 Leute in Österreich und wieviel Millionen wir in Europa aufnehmen und versorgen können. Weil die Leute nicht Leute sind, die an unserer Zitze hängen und hängen wollen, sondern zum Großteil Menschen, die eine Chance auf ein neues Leben suchen, ein Leben, in dem sie Teil einer Gesellschaft sind, dieser Gesellschaft verpflichtet sind, dieser Gesellschaft das zurückgeben, was sie von der Gesellschaft bekommen. So wie das bei uns halt auch so ist, auch unter uns gibt es genug Schmarotzer, aber eben auch genug, die teilen und helfen und vermitteln.

Zu viele lassen sich geradezu verrückt machen von unwahren Populismen, von Arschlöchern, die uns erklären wollen, dass nur Kriminelle kommen, oder dass wir diese Leute nicht versorgen können, dass kein Platz da ist für diese Leute, aber das ist Unsinn. Wenn jemand wie Konrad sagt, dass es sich ausgeht, und wenn man sich ins Bewusstsein ruft, was neulich durch die Nachrichten kursiert ist, nämlich dass die reichsten 62 Leute auf diesem Erdball so viel besitzen, wie die 3,7 Milliarden der Ärmsten, dann sollten wir merken, dass unsere Diskussionen und Sorgen an den eigentlichen Problemen vorbeigehen, und zwar Lichtjahre daran vorbei.

Wenn wir uns mehrheitlich nicht ganz schnell dessen bewusst werden, dass wir uns an einem Abgrund befinden, und dass wir immer näher an diesen Abgrund gedrückt werden, dann werden wir uns womöglich bald nicht mehr die Frage stellen müssen, wie wir mit den Flüchtlingen umgehen sollen. Weil wir selbst zu welchen werden. Jeden Tag, jedes Gespräch ist ab jetzt entscheidend, wir können nicht mehr länger tatenlos und schweigend zusehen, wie unsere Gesellschaft, unsere Österreichische und unsere Europäische, in der Mitte gespaltet wird. Bitte, lasst uns aufwachen und die Gespräche führen, die wirklich zählen, und die Lösungen finden, die wirklich etwas verändern.

Wenn wir nicht sofort damit anfangen, dem Rassismus, seinen widerlichen Fressen, seinen widerlichen Spielarten, den brutalen, aber vor allem den subtilen, die immer mehr unseren Alltagsdiskurs übernommen haben, entgegenzutreten, dann werden wir bald mit tödlicher Geschwindigkeit gegen eine Mauer dauern. Und hinter dieser Mauer wartet für die wenigen, die sie überwinden werden können, ganz sicher nicht das Paradies.

Nachtrag

Mit meinen Gedanken bzw. Befürchtungen scheine ich nicht allein zu sein.

Kommunikationsgift – Sätze zum Vergessen

Es gibt Sätze, die sind so schlecht und ignorant, dass sie eigentlich nicht das Recht haben, ausgesprochen zu werden. Weil die Person, die diese Sätze ausspricht, zeigt, dass sie ignorant und empathiebefreit ist. Und zwar komplett. Diese Sätze kann man getrost ignorieren, und auch die Personen, die sie sagen, kann man zumindest auf die Liste „Diese Leute sind womöglich doch nicht ganz echt“ setzen.

Das kann ja nicht so schwer sein

Um ein Problem lösen zu können, muss man es erst verstehen. Dieser Satz zeigt, dass man nicht mal genug an einem Problem interessiert ist, um zu begreifen, wie potentiell komplex die Lösung ist.

Ich bin zwar kein Rassist / Sexist / …, aber…


Egal, welcher Begriff in der ersten Klammer steht, alles, was nach dem aber kommt, ist garantiert intellektueller Müll und am besten zu entsorgen.

Die Leute / Kinder werden auch immer blöder / dreister / …

Ohne Rücksicht darauf, dass eine Gruppe, die aus mehr als 1 Person besteht, selten homogen genug sind, um allgemeine Aussagen zu treffen (Es gibt Ausnahmen, zum Beispiel: „Alle großen Menschen sind groß.“ oder „Alle Rapid-Fans sind Rapid-Fans.“), nimmt man sich selbst aus dieser Gruppe heraus, macht sich zu etwas Besserem und ignoriert potentiell sehr viele Details.

Schickt mir bitte weiteres Kommunikationsgift. Ich mag das.

Offener Brief an Innenministerin Mikl-Leitner

Diese Nachricht habe ich heute an johanna.mikl-leitner@bmi.gv.at weggeschickt. Es würde mich freuen, wenn du dir diesen Text nimmst und ihn ebenso schickst. Je mehr, desto besser.

Sehr geehrte Frau Innenministerin!

Seit Wochen wird uns erklärt, dass wir kein Geld haben, um jene Menschen, die vor dem Krieg aus ihrer Heimat im Nahen Osten flüchten, menschenwürdig zu versorgen. Weil wir kein Geld dafür haben.

Als Panikreaktion auf die furchtbaren Anschläge werden jetzt Sicherheitskräfte in einer Weise aufgerüstet, dass man sie bald nicht mehr von Einsatzkräften des Bundesheers wird unterscheiden können. Dafür ist Geld da.

Sie beweisen damit, dass Sie weder im Stande sind, die Ursachen für den Terror und damit verknüpft die Flüchtlingsbewegung zu verstehen, und dass Sie auch nicht gewillt sind, die tatsächlichen Ursachen zu lösen. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt, mit Ihren Handlungen (und jenen Ihrer europäischen Kolleginnen und Kollegen) werden Sie dafür sorgen, dass Europa in Angst vor dem Terror versinkt, alle Bürgerinnen und Bürger unter Generalverdacht gestellt und lückenlos überwacht werden. Das hilft nur jenen, die Angst schüren wollen, aber zu dieser Gruppe sind Sie offensichtlich auch zu zählen.

Es sei Ihnen aber bewusst: Ich bin nicht damit einverstanden, dass Sie Geld in einen Überwachungsstaat pumpen, anstatt Menschen, die es akut notwendig haben, zu helfen. Hätten Sie noch einen Funken Menschlichkeit (oder Christlichkeit) in sich, würden Sie verstehen, dass Sie damit die Idee des Humanismus zu Grabe tragen.

Ihr Michael Knoll

Also bitte: Text kopieren, Email an johanna.mikl-leitner@bmi.gv.at schreiben. Nicht zuschauen, sondern handeln. Es liegt jetzt an uns, dass unsere Kinder in einem Europa des Humanismus aufwachsen können, und nicht in einem Scheißdreck voller Angst.

Offener Brief an Politikerinnen und Politiker

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich fordere Sie auf, zu handeln. Während sich in unserem Land immer mehr Menschen sammeln, die Hilfe suchen, und immer mehr Menschen und Organisationen helfen, scheinen Sie in Schockstarre zu hoffen, dass sich diese Krise von alleine lösen wird. Aber Sie müssen jetzt etwas tun, in Österreich, in Europa, Sie müssen gemeinsam mit Ihren nationalen und internationalen Kolleginnen und Kollegen Lösungen finden.

  • Kündigen Sie mit sofortiger Wirkungen den Vertrag mit der ORS GmbH. Allein das, was in Traiskirchen passiert, zeigt, dass dieser Vertrag sowieso schon längst nicht mehr eingehalten wird.
  • Schaffen Sie unverzüglich Strukturen, damit jene, die Hilfe anbieten, diese Hilfe auch tatsächlich leisten können, unbürokratisch und schnell.
  • Setzen Sie das Dubliner Abkommen aus und drängen Sie auf EU-Ebene auf eine neue, tatsächlich funktionierende Lösung.
  • Geben Sie Flüchtlingen wieder die Möglichkeit, in den Botschaften von EU-Ländern um Asyl anzusuchen und erarbeiten Sie gemeinsam mit Ihren Europäischen Amtskolleginnen und -kollegen Lösungen, um jene, denen Asylstatus gewährt wird, in Sicherheit zu bringen.

Die Stimmung in Österreich und Europa beginnt zu kippen. Auf der einen Seite haben wir jene, die unter großem persönlichen Einsatz helfen, auf der anderen Seite immer mehr, die sich auf nationale und nationalistische Positionen zurückziehen wollen und sich nicht in der Verantwortung sehen, zu helfen.

Die EU darf nicht scheitern. Jeder Tag, an dem nicht mit Nachdruck an europäischen Lösungen gearbeitet wird, verschärft die Krise der EU und bringt uns weg vom Frieden, hin zum Konflikt. Das dürfen Sie nicht zulassen. Wir tun bereits unser Bestes. Sie sind jetzt auch an der Reihe.

Mit freundlichen Grüßen
Michael Knoll

Die schweigende Mehrheit schweigt nicht mehr

Nehmt diesen offenen Brief, kopiert ihn in euer Emailprogramm, kopiert die Adressen (unten mal ein Anfang) und lasst unsere Volksvertreterinnen und Volksvertreter wissen, dass sie handeln müssen, dass wir nicht länger zuschauen.

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Zugfahren – Eine Ode

Bitte einsteigen, Zug fährt ab! Ein Pfiff, ein Zischen, und los gehts, im zweitbesten Transportmittel der Welt (nach dem Fahrrad, natürlich).

Ja, ich bin ein großer Fan des Bahnfahrens. 3 Jahre lang war ich hauptberuflich eigentlich Zugfahrer, doch schon davor und danach habe ich die Reise im Zug immer sehr genossen. Vor allem lange Strecken sind in den fahrenden Sofas sehr lässig, wenn man das Glück hat, auf Strecken zu fahren, die nicht zur Gänze von Lärmschutzwänden vom Rest des Landes abgetrennt sind, dann gibt es viel zu sehen und viel zu entdecken, im Flugzeug sieht man die Welt zwar wie ein Vogel, aus dem Zugfenster heraus begegnet man ihr auf Augenhöhe, und weil die Geschwindigkeit nicht irre hoch ist, kann man die Eindrücke auch gut verarbeiten.

Bier und Suppen schmecken im Restaurationswagen besonders gut, vielleicht auch deswegen, weil der Restaurationswagen mittlerweile auf der Liste der bedrohten Luxusgüter steht, ebenso wie Waggons mit Abteilen. Beides ist natürlich sehr schade und nimmt dem Zugfahren ordentlich viel Romantik, aber das sind nicht die einzigen Probleme der modernen Bahnfahrt.

Diese fangen zum Beispiel mit den Bahnhöfen an: So, wie Flughäfen, Fußballstadien und Kindergärten werden diese Funktionsgebäude heute nicht mehr so gebaut, dass sie den Menschen den eigentlichen Zweck des Gebäudes möglichst zugänglich machen, sondern so, dass man möglichst viel Zeit in den Geschäften und also konsumierend verbringt. Vielerorts sind Bahnhöfe heute Shopping Center mit Gleisanschluss, in denen die Zugreisenden bestenfalls toleriert werden, ihnen die An-, Ab- und Weiterreise zu erleichtern, steht schon längst nicht mehr im Fokus der Planenden.

Heutzutage könnte man sich auch erwarten, dass man zum Beispiel innerhalb der EU online Tickets buchen und Sitzplätze reservieren kann, so, wie man es von Flug- oder mittlerweile sogar Busreisen kennt, aber ein halbwegs brauchbares Buchungssystem ist leider nicht vorhanden. Bewegt man sich innerhalb von Landesgrenzen, gehts womöglich noch halbwegs, sobald man aber international unterwegs ist, ist der Ticketkauf wirklich nur mühsam. Das ist bitter und schreckt sicher viele ab, mit dem Zug zu reisen.

Was aber noch bitterer ist, ist die stückchenweise Vernachlässigung des europäischen Schienennetzes. Der Kontinent ist durchzogen mit zum Teil hochqualitativen Verbindungen, aber weil aktuell wenig Geld in die Bahnfahrt investiert wird, verkommen diese Verbindungen zusehendst. Dabei wäre es ei leichtes, ein Hochgeschwindigkeitsnetz aufzubauen bzw. die bestehenden Anlagen zu verbessern, die Umwelt würde es uns jedenfalls danken. Japan beispielsweise zeigt vor, wies geht, hier könnte man sich Inspiration abholen.

Aus meiner Sicht müsste sich die EU darum bemühen, dass wieder in die Bahn investiert wird, die Voraussetzungen sind eigentlich ideal. Und es warat nicht nur wegen der Romantik.

Rom – Ein Reisebericht

Die Autofahrt ist 8 Sekunden alt, bis es beinahe zum ersten Unfall kommt. In der Tiefgarage. „So fast“ schnaubt unser Fahrer. Dass er ein Stoppschild ignoriert hat, erwähnt er nicht. Willkommen in Rom, wo das Credo „Eine Sperrlinie ist keine Mauer“ gelebt wird, auf jedem Millimeter Straße und oft genug daneben.

Bei der Fahrt vom Flughafen zum Hotel lerne ich neue Dimensionen des Scheissdraufs kennen und bin seelig entzückt. An einer ca. 400m langen Schlange an Linksabbiegern rechts vorbei, um dann bei Rot trotz Gegenverkehrs links abzubiegen? Andiamo.

Dabei wird eine Gelassenheit und Höflichkeit ausgestrahlt, die beineidenswert ist, so schön kann Autofahren sein, man muss sich halt den Platz nehmen, den man braucht, denn wenn alle drängeln, drängelt niemand.

Kurz bricht die Fassade: „Posso fumar?“ Eine Passagierin verweigert das Rauchen, der folgende Satz auf Italienisch hört sich nach „Passt schon, dann erwürg ich halt nachher einen Hamster.“ an.

Das Hotel wird im zweiten Anlauf gefunden nachdem man das „Flughafenmanöver“ angewendet hat. Das haben wir am Flughafen kennengelernt, nachdem wir mit dem Bus, der uns vom Flugzeug zum Terminal brachte, einfach noch eine Runde gefahren sind, um nicht weiter im Stau zu stehen. Manche Probleme lösen sich von selbst, so auch das Problem der Navigation.

Das Hotel ist schön und hat ein schön hohes Gitter, die fehlenden Spitzen zeigen leider nicht, ob das Gitter etwas drinnen oder draußen halten soll.

Die Rezeptionistin spricht nur Italienisch, wir leider nicht, es dürfte sich um ein Hotel für Einheimische handeln. Beim Angeben sämtlicher Daten, die wir bereits per Mail kommuniziert haben, schaut mich die Jungfrau Maria mit leuchtendem Haarkranz streng an.

Due Zimmer sind schön und der Abstand zwischen den Betten groß, man ist hier schließlich katholisch und man geht auf Nummer sicher, der selbe Familienname könnte schließlich auf Geschwister hinweisen. Jungfrau Maria findet das gut. Es ghert afoch mea gschmust übersetzt sich womöglich schwer ins Italienische.

Nach vorgezogener Siesta, die man hier eigentlich gar nicht macht, startet die Stadterkundung. Zwar erst, nachdem die sehr freundliche Rezeptionistin uns das gesamte Hotel zeigt (mir wird gesagt, das Hotel sei sehr jung), die Distanz wird fast aufs Intime verringert, aber schließlich dürfen wir gehen.

Der Verkehr

Der Zufall will, dass die öffentlichen Verkehrsmittel streiken. Beim Blick auf den Busplan und den 11 Stationen überlegt man kurz in Richtung Taxi, nach 4 Minuten hat man aber ebenso viele Busstationen passiert und nimmt den Weg in die Stadt trotz der Qualität der Gehsteige, die in Wien als Stadtwanderwege durchgehen würden, per pedes in Angriff. Wir ernten seltsame Blicke, zu Fuß geht man hier nicht. Außer man ist Tourist.
Aber wir sind stur, auch der achte Scooter, der mit ungefähr Lichtgeschwindigkeit und 3 cm Abstand vorbeizieht bringt uns nicht bei, den Modus des persönlichen Transports zu ändern, Gehsteig hin, Selbstmord her.

Stichwort Scooter: Von denen gibt es hier lustige Mengen, das System, in dem sie sich fortbewegen, erfordert allerdings wahrscheinlich ein mehrjähriges Intensivstudium, auch hier scheisst man sich nix, als Fremdländer muss man wohl vor der ersten Fahrt Grappa oder anderen Nervensaft tanken, um nicht bei der ersten Kreuzung mit einem Heulkrampf am Straßenrand zu verenden.

Der primäre Bewegungsmodus ist die Autofahrt, La Machina ist dem Italiener heilig, auch wenn die meisten Heiligtümer aussehen, als hätte man sie ein paar Mal aus dem Fenster geworfen. Das gesamte Straßennetz ist aufs Auto ausgerichtet, und das nicht besonders gut, dementsprechend quälend und lähmend gestaltet sich das Vorankommen von A nach B.

Was geradezu irre ist, ist der öffentliche Verkehr, der diese Bezeichnung eigentlich fast nicht verdient. Fahrpläne gibt es im Allgemeinen nicht, Buse und Straßenbahnen sind da, wenns da sind, und die Zeiträume zwischen den Fahrzeugen sind unregelmäßig und eher sehr lang. Das Netz ist mäßig ausgebaut, die Fahrten trotz teilweise kurzer Distanzen sehr lang, die Buse und Straßenbahnen unglaublich ineffizient gebaut (Wo bitte ist der Platz hin?), und in Sachen Ampeln oder Infrastruktur werden die Öffis eher benachteiligt. Das macht wenig Freude, aber wahrscheinlich noch mehr, als mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Einige Wenige sehen wir mit gequälten Gesichtern vorbeiradeln, verblüffenderweise gibt es geführte Touristengruppen auf Velos, aber ich zweifle daran, dass da tatsächlich alle Leute dort ankommen, wo sie ankommen wollten.

Rom ist eine fantastische Stadt. Lebendig, quirlig, architektonisch spannend, man merkt den Menschen und der Stadt an, dass viele Sonnenstunden gut fürs Gemüt sind, selbst wenn das Bild an den Rändern ein wenig ausfranst. Aber über diese Fransen sieht man gerne hinweg, vor allem, weil es in Rom angeblich fantastisch einfach ist, fantastisch gut zu essen und zu trinken.

Das Essen

Das erste Lokal der Labung ist ein Reinfall. Die Suche davor ist lang, wir suchen etwas nicht allzu Touristisches (wir sind ja schließlich von Welt) und folgen der alten Regel, dass man sich in fremden Städten nicht in leere Beisln setzt. Und fahren damit eher ein. Die Pizza kommt frisch aus dem Tiefkühler, die Carbonara geziehmt sich wie eine Eierspeis mit Nudeln.

Praktischerweise sind die Portionen so klein, das man danach genug Appetit auf Anderes hat. Aufs Bier als Rettungsanker kann man sich nicht verlassen , wir sind in Italien, und gutes Bier ist ein sehr rares Gut.

Egal. Mund abputzen, weitermachen, die Stadt ist schließlich ein ziemliches Paradies für beinahe eh ois. Per ausgedehntem Hatscher erschließen wir den Petersplatz, die Engelsburg (ein Gebäude von beeindruckender Hässlichkeit), fliegen stolpernden Engerln gleich über den Tiber und ziehen danach von Spritzgetränklokal zu Spritzgetränklokal, vorbei am Pantheon (unglaublich beeindruckend), hin zum Trevi Brunnen.

Der Trevi Brunnen wird zur Zeit umgebaut. Der Baustelle nach zu urteilen könnts eine U-Bahn-Station werden. Wäre ich Filmfreund und wäre deswegen gekommen, hätte ich wohl jetzt ein emotionales Gefälle auszugleichen.

Weiter gehts mit dem Regierungspalast, dem Forum Trajan, dem Forum Romanum, der Schreibmaschine, dem Kolosseum, und an hunderten anderen wunderschönen, verdammt alten Gebäuden vorbei. Mir entkommt permanent ein „2000 Jahre ist das hier alt“, obwohl ich bereits früher in Rom war, bin ich davon gebannt, auf einer der Wiegen unseres heutigen Lebens zu wandern, so beseelt bedudelt bin ich nicht häufig.

Das nächste Spritzgetränklokal möchte gefunden werden, mich zieht es in Richtung Tiberinsel, weil sie in meiner Vorstellung ein einziges Spritzgetränkeldorado ist. Das geht sich in echt leider nicht aus, eh sehr schön, aber verbaut, wir überqueren den Fluss und sind in Trastevere, dem nicht mehr ganz so arg mit Touristen und Tourismus durchzogenen Stadtteil.

Denn das ist leider Roms Achillesferse: Die touristische Ausschlachtung und damit einhergehende Masse an Selfie-Sticks und Leuten mit Wanderrucksäcken, die auschauen, als würden sich darin Verpflegung für 3 Jahre befinden, ist auf Dauer ein wenig belastend. Eh schön und wichtig und so, aber etwas, mit dem man umgehen können sollte.

Das erste Lokal in Trastevere ist großartig. Hauswein um 3€ im Halbliterformat, köstliche Bruschetta, auch die Pizzen schauen fabelhaft aus, wir habens endlich gefunden, dieses kulinarische Paradies.

Beim beglucksten Verlassen des Kleinods fällt mir am Nebentisch etwas auf. Für den Wiener komisch: Ich geh zum Italiener und ess ein Schnitzel. Aber hier ist jetzt kein Platz für Ursprungsdebatten, wir müssen weiter.

Apropos Ursprung: Am Flughafen in Rom gibt es eine Kleinigkeit mit riesigem Potential zu bewundern, und zwar Klobrillen, die von alleine hochklappen, wenn sie nicht besetzt werden. Was das für Beziehungen aller Art bedeuten könnte, sollte man sich mal anschauen, ganz genau.

Was zur Zwietracht am Flughafen wieder beiträgt ist die Auswahl der Zeitschriften im entsprechenden Geschäft. So gut wie alle Magazine sind auf Italienisch. Kann man machen.

Zurück in die Stadt: Das erwähnte Kleinod ist nicht die erste und einzige gute Anlaufstelle für Köstliches, der Weg der Labung ist gepflastert mit Schweinsbratenbroten (jawohl), italienischen Craft-Bieren (jawohl!, vor allem kosten die Craft-Biere so viel wie die normalen) und süßen Versuchungen. Lediglich die Weinauswahl gestaltet sich nicht ganz banal, es gibt viele, viele Sorten, die das Spektrum von Gschloder bis atemberaubend abdecken, und der Preis ist nicht unbedingt eine Orientierungshilfe. Die meisten Weine sind eher auf der süßen Seite, das muss man mögen, andererseits setzt sich der Spritzwein (Vino Spritzo) auch in diesen Regionen schön langsam durch, und bei durchaus lauschigen Temperaturen passt das dann schon sehr gut.

Rom ist auf Grund meiner urlaubstechnischen Codierung sofort mit Entspannung und Ferien verbunden, das macht das Schlendern durch die Stadt natürlich noch viel angenehmer. Selbst wenn man mit Italien noch nichts am Hut hat, sollte man sich die Stadt auf jeden Fall gönnen, am besten ein paar Tage lang. Sie ist ziemlich einzigartig.

Fingerübung Ende.

Ein „Familienrezept“

Zu Weihnachten gabs bei mir zu Hause immer Barszcz (Borschtsch, eine polnische Rübensuppe) und Paszteciki, also Pastetchen, gefüllt mit Champignons, Zwiebel und Petersilie. Und nicht nur in meiner Erinnerung ganz, ganz köstlich. Ich habe meinen Vater gebeten, mir beizubringen, wie man diese Täschchen macht, wegen der Selbstversorgung warats, und so habe ich gelernt, die Täschchen selbst zu machen. Irgendwann habe ich mir gedacht, dass Weihnachten viel zu selten stattfindet, ich also die Pastetchen viel zu selten esse, und habe damit angefangen, sie einfach dann zu machen, wenn ich Gusto drauf habe. Weil sie köstlich schmecken. Und weil sie das ideale Gastgeschenk für Partys sind, mein Freundeskreis ist jedenfalls süchtig.

Um ihre Sucht zu erleichtern und die Pastetchen in die Welt hinauszutragen, gibts jetzt das Rezept.

Die Zutaten (für 12 Pastetchen)

Die Zubereitung

Schritt 1

Schneide die Zwiebel(n) klein, je nachdem, wie gern du Zwiebeln hast, kanns grober oder feiner zugehen.

Schritt 2


Schneide die Champignons klein. Ich persönlich trenne immer den Stengel ab, da er relativ viel Wasser beinhaltet und geschmacklich nicht sehr viel zum Gericht beiträgt. Das ist aber Geschmackssache. Schneide auch die Petersilie klein.

Schritt 3

Jetzt gehts ab in die Pfanne. Gib einen Esslöffel Olivenöl und einen Teelöffel Zucker in die heiße Pfanne, warte, bis der Zucker karamelisiert. Dann kommen die Zwiebeln rein, ein bisschen Tomatenmark, die Zwiebeln sollen glasig geschwitzt werden. Dann werden die Pilze bei relativ hoher Temperatur kurz scharf angebraten, dann solltest du die Hitze reduzieren. Salz, Pfeffer je nach Geschmack. Und zum Schluss kommt die Petersilie rein.

Schritt 4

Die Füllung ist fertig, jetzt vereinigt man sie mit dem Teig. Dazu nimmt man den Blätterteig ca. 10 Minuten vorm Verarbeiten aus dem Kühlschrank, dann lässt er sich leichter verarbeiten und schmeckt besser. Die Fülle sollte ein wenig auskühlen, dann fallen die nächsten Arbeitsschritte deutlich leichter. Ungeduldige Naturen wie ich müssen ein wenig aufpassen.

Zunächst schneiden wir den Teig in 6 gleich große Teile, idealerweise in Quadrate. Ist das geschafft, gibt man auf jedes Quadrat einen gehäuften Esslöffel Füllung.

Schritt 5

Der „schwierigste“ Schritt: Man faltet die Täschchen. Ist aber gar nicht schwer, einfach die Ecken einschlagen, fertig. Wer möchte, kann ein Ei verrühren und damit die Pastetchen bestreichen, dann werden sie schön braun. Ich mach das nicht.

Schritt 6

Ab ins Rohr. Die Backzeit- und Temperatur findet man auf der Verpackung des Blätterteigs. Nach ca. 20 – 25 Minuten ist der Prozess aber im Regelfall beendet.

Mahlzeit!

Und so schauen sie aus, wenn sie fertig sind. Wie oben beschrieben kann man die Pastetchen mit Borscht essen, oder einfach so, oder in Begleitung einer Sauerrahmsauce, zum Beispiel.