Eine Geschichte zwischen Tür und Angeln

Es ereignete sich, dass ein Mann, der von der Arbeit genug und von der Familie nicht genug hatte, seinen Heimweg antrat, denn genug ist genug und nicht genug ist nicht genug. Sein Heimweg führte ihn unter anderem in eine Straßenbahn, die ihn zu einem Bahnhof bringen sollte. Die Straßenbahn fuhr los, und hielt in der nächsten Haltestelle, machte also etwas für Straßenbahnen vollkommen Gewöhnliches.

Ungewöhnlich war die Länge des Aufenthalts in der Station, denn es waren weder Sintfluten zu entdecken, die die Straße blockierten, noch protestierende Fahrradfahrer, noch abgestürzte Klavierflügel, auf den ersten Blick zeigte sich nichts, was die Weiterfahrt verhinderte.

Weil die Straßenbahn recht voll war, was um die Uhrzeit, zu der sich diese Geschichte ereignete, nichts Ungewöhnliches ist, stand der Mann direkt neben einer der Eingangstüren und konnte somit den Grund der verhinderten Weiterfahrt erkunden. Es handelte sich um einen älteren Herrn, der ein Kindchen am Arm trug und in der Tür stand, um die Tür am Schließen und somit die Straßenbahn am Weiterfahren zu hindern. Da der jüngere Mann nicht über die Geduld eines Engels verfügte, forderte er den Älteren auf, sich doch bitte aus der Tür zu bewegen, was der Ältere damit beantwortete, dass er und seine Frau auch haben warten müssen, am Ticketautomaten, und man sich nicht zum Nabel der Welt machen solle. Auf den Hinweis, dass man wohl eher der Nabel ist, wenn man die Tür einer Straßenbahn blockiert und außerdem eine weitere Straßenbahn geradezu mit offenen Armen warte, um das ältere Paar an den Ort ihrer Wahl zu befördern, wurde nur beruhigt, dass das nicht so schlimm sei, wenn man mal warte müsse, und dass man auch selber hat warten müssen, und somit alles ok wäre.

Nachdem schließlich sogar der Fahrer der Straßenbahn seine Burg verließ, um darum zu bitten, eine Weiterfahrt zu ermöglichen, kann erahnt werden, wie lange die Verzögerung war. Aus dem Satz „Das ist ja schlimmer als in Wien!“, der dem Älteren, mittlerweile auch Grantigen entwich, nachdem seine Frau dann doch geschafft hatte, Fahrscheine zu kaufen, kann man zumindest eine Stadt ausschließen, in der sich diese Geschichte zugetragen hat.

Doch dieser Satz ließ dem Jüngeren endgültig das Nervenkostüm ausziehen, er wechselte das Sprachregister und teilte mit, was er von der Situation und dem Verhalten des Älteren so halte. Dass es nicht besonders fair ist, das eigene Warten an andere weiterzugeben, weil das ein wenig so ist, als würde der Ältere dem Jüngeren eine Ohrfeige antragen und der Jüngere daraufhin der Frau des Älteren eine verpassen. Dass zwei Minuten auf große Distanzen durchaus auch eine große Auswirkung haben können. Dass es nicht immer möglich ist, die Reise so zu planen, dass man zur Not auch unter Feindesbeschuss am Bauch gleitend zum Bahnhof kommt.

Denn seine Gründe, die Straßenbahn dem Fahrplan entsprechend am Bahnhof ankommen zu lassen, waren ziemlich gute, sie wurden auch mitgeteilt, der Jüngere wähnte sich im Recht. Und fragt sich trotzdem seit diesem Ereignis, ob er der Arsch dieser Geschichte ist, oder nicht.

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