Es muss etwas geben

Es muss etwas geben, das gesagt werden kann. Irgendetwas, das man sagen kann, das ich sagen kann, oder jemand anderer. Es muss etwas da sein, das hinaus will, das sich hinstellen will, und sagen will: „Es ist ok! Es gibt keine Schuld. Es gibt keinen Schmerz. Es gibt keine Wut. Es gibt keinen Hass. Es ist ok!“

Es muss etwas geben, denn wenn es nichts gibt, wenn niemand sagt, was gesagt werden muss, wie soll man dann damit umgehen? Wie soll man miteinander umgehen, wenn man nicht sagt, was man sagen muss.

Es muss etwas geben. Was muss man sagen?

„Worte sind nicht genug. Worte können nichts reparieren. Hier gibt es nichts zu reparieren. Hier kann man nur akzeptieren, was ist, was war.“

Aber diese Wut, dieser Hass. Diese Verzweiflung, wo sollen die hin? Hinausschreien, aber was? Das Ventil hat sich versteckt, die Lösungen spielen vor der Tür „Mensch, ärgere dich nicht“, sie zeigen mir die lange Nase, und dass man die nicht fangen kann, das weiß ein jedes Kind, die Hände sind immer zu klein.

Auf der Zunge liegt ein „Geh scheissen!“, aber was soll das, das bringt doch gar nichts. Symptombekämpfung ist das, Linderung auf Zeit, und von der hat man wohl noch genug, auch wenn sie von manchen kleiner gemacht werden möchte, gestutzt werden möchte, nicht alle wollen Zeit haben, nicht alle blicken nach vorne, sondern nur zurück, und wollen nicht sehen, was vorne liegt, oder zumindest vorne gelegen ist.

Irgendwann einmal, da war die Aussicht besser, der Nebel zeigte sich höchstens in der Nacht, die Tage waren klar. In der Vergangenheit war die Zukunft einfach schön. Aber das ist wahrscheinlich gelogen.

Gestolpert ist man, wie betrunken, und betäubt vom Aufprall wird man weitergezogen, dass man da nicht gerne nach vorne blickt, das muss man sich nicht vorstellen. Doch es muss etwas geben.

Wenn Dinge nichts mehr wert sind, die eigentlich die Welt bedeuten, wenn gemeinsame Ideen dazu führen, dass man sich nicht mehr in die Augen schaut, wenn die gemeinsame Freude (hat gerade jemand Liebe gesagt?) hämisch grinst, in der Ecke kauert, gebrochen, aber nur im Körper, vor sich hinkichert und hustet „Ich habs dir doch gesagt!“, soll man alles wegwerfen, soll man alles vergessen?

Es muss etwas geben, etwas, das hilft, etwas, das versteht, etwas, das hilft zu verstehen. Wörter sind Waffen, Worte sind mehr als Macht, aber um Macht geht es nicht, es geht um das, was die Worte anrichten, wen sie ausrichten, was sie berichten, was sie vernichten. Man muss sie erklären, immer und immer wieder, kann nicht einfach sagen „Leck mich am Arsch!“, und wenn doch, dann muss mans erklären. Weil es muss etwas geben, auch wenn es deftig ist.

Es muss etwas geben. Es bleibt noch Zeit, es zu finden. Mir bleibt noch Zeit. Und hoffentlich verlässt mich nicht der Mut.

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