Fahrradfahren in Wien

Gradaus: Ich erledige so gut wie alle meine Wege in Wien mit dem Fahrrad, bin begeisterter Radfahrer, sowohl als Transportmittel im Alltag, als auch als Sport und Hobby. Deswegen ärgern mich die Dinge, die gleich folgen werden, besonders.

Situation 1

Ich fahre die Margaretenstraße entlang, auf dem Radweg, der Richtung Zentrum führt. Der ist nicht viel breiter als ich selbst, was nicht unbedingt nur an meiner Überbreite liegt. Ich vernehme ein nervöse Klingeln, da ich aber nicht langsam unterwegs bin und ich ungern genötigt werde, verlasse ich den Radweg nicht, auch, weil sich auf dem Gehsteig einige Passanten bewegen. An mir zieht eine junge Dame vorbei, auf einem Fahrrad, das sich mit dem Wort „ranzig“ ganz gut beschreiben lässt. Die junge Dame berührt mich dabei mit ihrem Lenker und ihrer Schulter. Ich rufe ihr hinterher, dass sie mit dem Fahrrad ein wenig aufpassen sollte, woraufhin sie sich umdreht, mir den Mittelfinger zeigt und dabei beinahe zwei Kinder abschiesst, die gerade bei einem Schutzweg den Radweg und die Straße queren wollen. Ein paar Meter weiter fährt die junge Dame fast in eine Auto hinein, das ist der Moment, in dem ich sie einholen und deutliche Worte für ihr Verhalten finden möchte.

Situation 2

Wien Döbling. Ich fahre mit meiner Familie nach Hause, auf der Billrothstraße. Meine Frau mit Kindern im Nihola (Familiendreirad) vorne, ich hinten. An der Kreuzung mit der Peter Jordan Straße bleiben wir an der Ampel stehen, auf dem Radweg. Rechts neben uns befindet sich eine Busspur, links der Fahrstreifen, der Radweg ist dazwischen eingezeichnet. Wir fahren los, signalisieren per Handzeichen, dass wir nicht die Billrothstraße, sondern die Gymnasiumsstraße fahren werden, wir verlassen also den Radstreifen (der die Billrothstraße weiterführt) und wechseln auf die Spur, die vor der Kreuzung noch eine Busspur war. Nicht ein, sondern zwei KFZ pressen noch an uns vorbei, bevor die Gymnasiumstraße zu eng wird, um uns zu überholen. Beide Fahrzeuge waren vor der Kreuzung nicht auf dem Fahrstreifen, sondern sind direkt über die Busspur gefahren. Das zweite Fahrzeug lässt zwischen dem Nihola, in dem zwei kleine Kinder und meine Frau sitzen, nicht mehr als 15 cm Platz. Das ist der Moment, in dem ich versuche, die Lenkerin des zweiten KFZ einzuholen und zur Rede zu stellen, aber ich bin nicht Lance Armstrong.

Situation 3

Meine Frau fährt die Waaggasse entlang, mit ca. 75 cm Abstand zu den querparkenden Autos. Erlaubt sind 1,5m. Ein KFZ nähert sich von hinten, der Fahrer hupt, zunächst einmal, dann zwei Mal hintereinander. Meine Frau dreht sich um, weil sie sich wundert, was das Problem ist, der Fahrer steigt aufs Gas und zieht an ihr vorbei. Platz lässt er fast keinen, die Gasse ist eine 30er-Zone, und meine Frau fährt generell auch nicht langsam. An der Kreuzung zur Margaretenstraße muss der Fahrer stehenbleiben, weil vor ihm ein anderes Fahrzeug darauf wartet, abbiegen zu können. Das macht der Fahrer so, dass er sein Fahrzeug diagonal hinstellt, so dass man weder rechts, noch links an dem Fahrzeug vorbeikommt. Meine Frau rollt langsam links vorbei, bleibt am linken vorderen Eck des KFZ stehen und stellt den Fahrer zur Rede. Dieser beschimpft, steigt aufs Gas und fährt in das Vorderrad des Fahrrads meiner Frau. Das Fahrrad kippt, fällt aber nicht, meine Frau steigt an und droht jetzt mit Anzeige. Der Fahrer steigt nochmal aufs Gas, fährt nochmal in das Fahrrad hinein und begeht daraufhin Fahrerflucht. Meiner Frau ist zum Glück bis auf einen Schock nichts passiert, dem Rad auch nicht.

Schön ist allerdings auch, was im Anschluss passiert: Ca. 3 Stunden nach dem Vorfall möchte meine Frau den Vorfall bei der Polizei melden. Sie erzählt, was vorgefallen ist, die Polizei fragt nach, ob etwas passiert sei, das wird verneint. Die nächste Frage gilt dem Zeitpunkt des Vorfalls. Und was dann passiert, ist sensationell: „Sie sollten froh sein, dass Sie nicht selbst eine Anzeige wegen Fahrerflucht bekommen, weil sie sich nicht innerhalb von 20 Minuten bei uns gemeldet haben!“ Das Kennzeichen des KFZ wird notiert, die Personalien werden notiert, sonst nichts. Da es sich laut den anwesenden Polizisten um einen Unfall handelt, obwohl der Fahrer absichtlich in das Fahrrad gefahren ist, wird auch erst gehandelt, wenn der Fahrer wieder auffällig wird. Angeblich.

Fazit

Jetzt könnte man in allen 3 bzw. 4 Situationen sagen: Sautrotteln. Und hätte damit recht.

Allerdings kommen solche Situationen auch deswegen so häufig vor, weil es die Infrastruktur der Stadt Wien kaum anders zulässt, sie ist nämlich für Radfahrende weiterhin dürftig. Wenn verschiedene Gewichts- und Geschwindigkeitsklassen aufeinandertreffen, wird es in einer gewissen Anzahl an Situationen zu Konflikten kommen, das liegt daran, dass wir nun mal keine Engel sind und öfter als nötig die Nerven wegschmeissen und uns einfach dämlich verhalten.

Was man allerdings verbessern kann, ist die Anzahl der Situationen, in denen es zur Interaktion zwischen verschiedenen Geschwindigkeitsklassen kommt. Von 100 Begegnungen verlaufen 5 deppert. Aber es ist ein Unterschied, ob man diese 100 Begegnungen in 1 oder 2 Tagen hat, oder in 5 oder 6 Monaten.

Um die Anzahl dieser Begegnungen zu senken, braucht man eine entsprechende Infrastruktur. Und die Stadt Wien muss dafür sorgen, dass diese so schnell wie möglich geschaffen wird, nach Vorbildern, die funktionieren. Denn ein wenig Farbe auf der Straße wird uns nichts bringen.

Wir produzieren zu viele Abgase, es gibt immer mehr Leute, die übergewichtig und/oder ungesund sind, es gibt weiterhin viel zu viele Verletzte und Tote.

Das Aufbauen einer Infrastruktur, die das Fahrradfahren für alle, Junge, Alte, Gebrechliche, Sportliche, fördert, ist ein wichtiger Punkt, um diese Probleme zu lösen und die Stadt Wien noch lebenswerter zu machen. Und die Stadt Wien muss Gas geben.

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