Offener Brief: Abschied von Michael Häupl

Sehr geehrter Herr Häupl!

Sie werden mir fehlen. Als Bürgermeister. Sie sind der einzige Wiener Bürgermeister, den ich kenne, von Helmut Zilk ist mir eigentlich, so zynisch das klingt, nur seine fehlende Hand in Erinnerung, ich bin noch nicht so alt.

Meiner Wahrnehmung nach sind Sie überhaupt der einzige Bürgermeister, den es gibt. Sie sind Wien. Man müsste lange suchen, um jemanden zu finden, der das Lebensgefühl, den Status, die Wahrnehmung einer Stadt, dieser Stadt, besser verkörpert, als Sie. Wien ist ein spritzertrinkender, pardon, spritzergenießender, weltoffener Mensch mit genügend Distanz zu sich selbst. Und grantig. Aus den richtigen, und aus den falschen Gründen.

Sie haben dieser Stadt viel gegeben, und auch, wenn jetzt irgendwelche Zahlenfreaks irgendwas von Schulden reden, spüren die meisten in dieser Stadt: Wien ist heute besser als vor Ihrer Amtszeit.

Wenn Sie dieser Stadt noch einen letzten großen Dienst erweisen möchten, dann nehmen Sie sich bitte die Zeit und die Energie, die Sie zuletzt vielleicht nicht hatten, um mit Ihrem Nachfolger zu reden. Darüber, was Sozialdemokratie ist. Was Verantwortung ist. Was Politik ist. Was Heimat ist. Was Gesellschaft ist. Was es bedeutet, Kompromisse einzugehen. Wie es geht, eine Meinung zu haben, die auch Widerständen gegenüber gilt. Bitte.

Denn, und das werden Sie wissen: Die Gefahr ist groß, dass vieles von dem, was Sie erreicht haben, schnell abmontiert wird. Und so alt sind Sie nicht, dass Sie das nicht noch spüren würden. Und ich glaube, nein, ich bin überzeugt davon, dass Sie es spüren würden.

Viel Erfolg beim Erklären. Bitte!

Alles Gute im Ruhestand!

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