Das Problem mit sexueller Belästigung und wieso es Männer nicht verstehen

In regelmäßigen Abständen gibt es in den Medien ein Bauernopfer: Ein „starker“ Mann wird exemplarisch abmontiert, so zuletzt mit Harvey Weindingsi, um zu zeigen, dass unsere Gesellschaft sexuelle Belästigung nicht (mehr) toleriert, dass die alten Zeiten vorbei sind. Supa. Bei Donald Trump hat es ja nicht funktioniert, der ist jetzt sogar Präsident und damit bewegen wir uns schon in Richtung des Problems.

Das Problem ist, dass die (wahrscheinlich überwiegende) Mehrheit der Männer das, was diese Menschen machen, eigentlich ok finden, irgendwie. Wenn man uns sagt: „Stell dir vor, Frauen würden dich Schatzi rufen, ungefragt mit dir flirten und trotz mehrfacher Aufforderung, das zu lassen, weitermachen. Stell dir vor, Frauen würden dir einfach so an den Arsch oder den Schwanz fassen.“ Die meisten Männer würden sagen: „Leiwand!“

Wir verstehen nicht, dass das eigentlich überhaupt nicht in Ordnung ist, weil wir nicht wissen, was normaler Kontakt, ein normales Gespräch mit Frauen ist. Weil uns nie passiert, dass jemand freiwillig mit uns redet, oder mit uns interagiert. Weil dem einzigen sozialen oder körperlichen Kontakt, den wir kennen, irgendeine Art von Nötigung vorangeht, oder zumindest nehmen wir das in unseren Köpfen so wahr. „Hab meiner Oidn wieder Geschenke kaufen müssen, damits mi pudert.“

Der Knopf im Kopf des Mannes ist riesig und über Jahrhunderte an „Programmierung“ entwickelt worden. Dieser Knopf muss gelöst werden und das gelingt womöglich nicht innerhalb einer Generation (auch wenn ich das sehr stark hoffe). Dieser Knopf ist keine Entschuldigung, und er hat auch nichts mit Genetik zu tun (und selbst wenn: Die Zeiten sind passé).

Dass Mann und Frau sich auch einfach auf Augenhöhe und respektvoll begegnen können, wie zwei gleiche Menschen eben, das ist für viele Männer geradezu ein Geheimnis.

Wir Männer müssen daran arbeiten, wir Männer müssen dafür sorgen, dass wir diese archaischen Vorstellungen und Verhaltensweisen abstellen. Es gibt keine Entschuldigung, Frauen zu belästigen (egal ob sie „scharf“ aussehen, Decollete zeigen, einen kurzen Rock tragen oder du betrunken bist, auch eine Beziehung oder sogar Ehe ist kein Grund), es gibt keine Entschuldigung, nicht entschieden gegen diese Art von Verhalten einzutreten, wenn man Zeuge davon wird. Jedes Mal, wenn wir es mitbekommen und nichts sagen oder unternehmen, tragen wir dazu bei, dass Belästigungen und Schlimmeres weitergehen.

Es ist unglaublich schwierig, auszusprechen, wenn man Opfer so einer Situation wird. Weil es entweder Tabu ist, oder weil man mit einem „Geh bitte, das kann ich mir nicht vorstellen“ konfrontiert wird, egal, welche Position man hat (siehe Weindingsi und wieviele Frauen und Männer es gebraucht hat, um ihn aufzudecken, und siehe Trump, wie es nicht gelungen ist). Man bekommt es auch oft nicht mit, was passiert, auch in einer Beziehung nicht.

#metoo zeigt uns Männern gerade sehr deutlich, von welchem Ausmaß wir hier sprechen, wieviele davon betroffen sind. Spätestens jetzt dürfen wir auch nicht mehr sagen, wir hätten nichts davon gewusst.