Disclaimer: Ich überwinde meine Faulheit und setze ab jetzt Großbuchstaben, wo es mir nötig erscheint…
Es ist eigentlich erstaunlich, dass dieser Klassiker der Alltagsunterhaltung so lange gebraucht hat, um auf meinem gedanklichen Schlachttisch zu landen. Einen Aufzug benützt man als in einer Stadt lebender Mensch vermutlich täglich. Wenn man ihn nicht benutzt, dann kommt man beinahe unter Garantie an einem vorbei. Für die 10 bis 15 Leute, die nicht wissen, was ein Aufzug ist, gibt es hier und jetzt eine kurze Einleitung.
Ein Aufzug oder Lift, wie es unter anderem in manchen Gegenden Deutschlands und in England heißt, aus dem Englischen kommt der Begriff nämlich, denn liften heißt nicht nur Pobacken und Wangen straffen, sondern auch heben, und das ist natürlich genauso unpräzise, wie Aufzug, weil schließlich handelt es sich bei diesem Wunderwerk nicht um ein Gerät, das lediglich nach oben, sondern durchaus auch nach unten fahren kann. Der Amerikaner nennt es übrigens elevator, was eben auch nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch ist. Ich wäre für schlurf, habe aber ob meiner späten Geburt kaum noch Mitspracherecht.

Aufzüge sind meistens klar beschriftet. Musterbeispiele findet man beispielsweise am Wiener Westbahnhof
Aufzüge gibt es in verschiedensten Ausführungen und unterschiedlich lang. Es gibt die Pater-Noster-Variante, obwohl das eigentlich fast schon gelogen ist, denn im Alltag ist sie praktisch ausgestorben, weil zu gefährlich. Hat die Leut zu sehr gereizt, einfach weiterzufahren, sich vom Mühlwerk zerquetschen zu lassen, oder beim vorbeifahren der Stockwerke Hände, Arme oder Bierflaschen rauszustrecken. Merke: Auch bei Aufzügen ist weniger Verantwortung mehr!
Es gibt gläserne Geschöpfe, die sich an den Außenseiten von Hochhäusern hochquälen, dabei so wirken, als würden sie gar keine Anstrengung auf sich nehmen, und den Blick freigeben auf die Insassen, die mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit sehr unglücklich sind, dass sie nicht für kurze Zeit ohne Wahrnehmung sind, besonders, wenn der Boden des Käfigs auch aus Glas ist.
Und es gibt ganz normale Aufzüge, mit Schiebetüren, in Bürogebäuden, in Ubahnstationen, in Krankenhäusern. Früher kam es vor, dass ein Liftwart, der sogenannte liftboy, die Bedienung dieses komplexen Geräts übernahm, aber seit ein durchschnittliches Telefon mehr Knöpfe hat, als die Bedientafel eines Aufzugs, ist auch dieser Beruf in Vergessenheit geraten. Elegant war er schon, unterhaltsam, wenn auch nicht für die, die ihn ausgeübt haben, obwohl sie angeblich viel mithören konnten, über das sie natürlich nicht sprechen durften, ähnlich wie Ärzte und Patienten, man kennt das.
In Aufzügen der netteren Art wird Musik gespielt, Fahrstuhlmusik, und das gilt nicht zu Unrecht als ein Schmähwort für andere Musikarten. Aber wer sweet child o’ mine am Soloklavier schätzt, der schätzt sicher auch Hotels.
In Aufzügen gilt es üblicherweise einige Verhaltensregeln zu befolgen, diese sind relativ universell und vom Ort der Installation beinahe unabhängig. Grundsätzlich gilt: Wer stärker drängelt, ist früher drin. Sobald sich die Pforten zum Glück öffnen, sollten die Aktentasche eingeklemmt, die Rucksackgurte strammgezogen, die Arschbacken zusammengezwickt sein, denn jetzt gehts los: Auch wenn Leute auf die absurde Idee kommen sollten, aussteigen zu wollen, dürfen Sie nicht nachgeben. Ihr Wille muss eisern sein, Ihr Ziel ist das Innere der Kabine, und nichts anderes. Lassen Sie alles links und rechts liegen, sobald genug Platz gefunden wurde, um zu stehen, drehen Sie sich Richtung Tür, bleiben stehen, und starren auf die Anzeige über der Tür. Auch beziehungsweise eigentlich vor allem dann, wenn es gar keine gibt. Es kommt nämlich der wichtigste Teil des Zustiegprozesses: Sie müssen ausblenden, was um Sie herum passiert. Konzentrieren Sie sich auf die Musik, und nicht auf die Mutter mit Kinderwagen, die schon den vierten Aufzug abwartet, weil sie zu schwach ist, um korrekt in den Lift einzusteigen. Ignorieren Sie den Rollstuhlfahrer, er hat sein Schicksal ganz sicher verdient, zeigen Sie keine Schwäche, wenn ein Pensionistenehepaar Ihnen verzweifelt hinterherblickt, denn auch wenn sich die zwei nicht mehr daran erinnern können: Sie sind sicher schon genug Aufzug gefahren in ihrem Leben.
Sollten Sie das Pech haben und Ihre in langen Jahren antrainierten Soft- und Hard-Skills nicht anwenden müssen, weil das Verkehrsaufkommen ein Drängeln schlicht nicht notwendig macht, so können Sie diese fahrten zum Training einiger wertvoller Spezialfähigkeiten nutzen. Diese wären beispielsweise:
Steigen Sie in den Aufzug ein, und gehen Sie gar nicht bis ans Ende der Kabine. Bleiben Sie gleich am Anfang stehen, halbmittig, drehen Sie sich um und, nun, sie wissen ja, was dann zu tun ist. Zusatzpunkte gibt es hier fürs Abstellen einer Tasche mittlerer Größe, natürlich zur Kabinenmitte gewendet. Was jetzt kommt, ist ein wichtiger Teil der Übung: Geben Sie jeder Person, die sich an ihnen vorbeidrängt, zu verstehen, wie unnötig und mühsam dieses Vorbeidrängen war, wieviel Anstrengung es Sie gekostet hat, um nicht aus dem Weg zu gehen und somit den Einstieg nicht zu erleichtern. Andere Leute sollen die Unnötigkeit ihrer Existenzen ruhig öfter zu spüren bekommen.
Eine weitere Pflichtübung: Telefonieren Sie ruhig im Aufzug. Auch wenn Sie wissen, dass sie keinen Empfang haben. Ihre Mitfahrerinnen und Mitfahrer werden es ihnen danken, dass Sie den noch immer nicht ausreichend gepflegten Dialogfetzen “Was, ich kann dich nicht hören. Was sagst? Was, ja, na, ich hab kan empfang. Was willst? Geh, wart, ich ruf dich, Was? Was ist?” auch auf diesem Abschnitt ihres Lebensweges mithören dürfen.
Es ist in Aufzügen übrigens durchaus erwünscht, dass man Leute, die in günstigerer Lage zur Bedientafel stehen, nicht darum bittet, das Stockwerk zu wählen, in dem man gerne aussteigen würde. Verbaler Kontakt kann nur missverstanden werden, es gibt nichts klareres, als ein mittelsanftes Zur-seite-drängen-und-den-job-selbst-erledigen.
Es gäbe noch eine Vielzahl zu Berichten über Aufzüge, an dieser Stelle endet der Einstieg, es gilt jetzt nämlich Aufzug zu fahren und zu üben, viel Vergnügen.