Über die Gestaltung von Lebensmittelgeschäften an Bahnhöfen

Wenn man Erzählungen der Eltern oder Großeltern glauben schenken kann, oder Fernsehberichten, wenn erwähnte Erzählungen eher rar gesät sind, so haben Geschäfte früher etwas anders ausgeschaut, als sie es heute tun. Manche sagen, heute würden man mehr übers Design nachdenken, als über die Menschen, die in den Geschäften einkaufen wollen, und nachdem ich jetzt einige Einkäufe im Merkurshop am Wiener Westbahnhof hinter mich gebracht habe, neige ich dazu, dieser Meinung zuzustimmen.

Nun obliegt aus meiner Sicht ein Bahnhof etwas anderen Gesetzmäßigkeiten, als es beispielsweise eine Nobeleinkaufsmeile mitten im Stadtzentrum tut, auch wenn die Leute, die Bahnhöfe designen (ich bin mir sicher, dass Architektinnen und Architekten bei der Gestaltung von öffentlichen Gebäuden schon lange nicht mehr das letzte Wort haben) beharrlich versuchen, Bahnhöfe in andere Funktionen zu drängen, als jene des möglichst komfortablen Transports von Fahrgästen. Der Westbahnhof an sich ist hierfür geradezu ein Paradebeispiel, der Merkurshop an eben jenem fügt sich wunderschön ein in seine menschenfeindliche Umgebung.

Hier also ein paar Dinge, mit denen man seinen Kundinnen und Kunden eine riesige Freude bereiten kann:

1) Designe den Shop so, dass es unmöglich ist, ihn zu betreten, wenn auch nur eine Person länger als 2 Sekunden braucht, um auszusuchen, welche von den 3 angebotenen Tomaten jetzt die ist, die sie am meisten anmacht.

2) Sorge dafür, dass möglichst viele Verpackungsreste in dem Geschäft stehen und auch dafür, dass die Regale möglichst spät befüllt werden. Reisende, die vor 7 Uhr in die Reise starten, tun das nur, um das Verkaufspersonal zu quälen und gehören somit bestraft.

3) Sorge für eine möglichst exotische Produktauswahl, vor allem bei Getränken. Die Reisenden freuen sich, wenn sie vor der Abfahrt ihrer Züge noch gscheit drüber nachdenken können, ob sie jetzt den Distelzweigapfeleistee oder doch lieber die Holundercola mitnehmen wollen.

4) Wechsle das Sortiment so oft wie möglich. Gerade Pendlerinnen und Pendler verfallen allzu leicht in Routinen, hilf ihnen, aus dem Alltagstrott auszubrechen, in dem du beispielsweise für eine zufällig gewählte Zeit einfach mal bestimmte Produkte aus dem Sortiment nimmst, um andere zu testen. Spürst du schon die Liebe?

5) Gestalte dein Geschäft so, dass Leute, die darauf warten, mit frischen Backwaren versorgt zu werden, gleichzeitig auch die Leute, die zur Kassa stürmen wollen, blockieren. Stress ist nicht angebracht.

6) Wechselgeld ist eine Luxus, den du nicht unbedingt bereitstellen musst. Auch wenn Reisende, vor allem jene, die es ins Ausland zieht und vor allem auch jene, die aus diesem Ausland kommen, womöglich nur über große Scheine verfügen, so ist es nicht deine Schuld und Pflicht, auf einen 10 oder gar 20 Euro Schein wechseln zu können. Sollen die Leute gefälligst selber für Kleingeld sorgen.

7) Achte auf die Wahl deines Personals. Wenn nur irgendwie möglich, suche möglichst gemächliche Zeitgenossinnen und Zeitgenossen aus, die sich auch von noch so aggressiven Mitteilungen, dass der Zug in 1 Minute abfährt und ob man nicht vielleicht ein wenig anzahn könnte, nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die Leute sollen ruhig ihre Lehren ziehen und ihre Tagesplanung überdenken, man ist ja schließlich bei der Arbeit, und nicht auf der Flucht.

Wenn man also plant, ein Lebensmittelgeschäft an einem Bahnhof zu eröffnen, so schlage ich vor, meinen 7-Punkte-Plan zu befolgen. Liebe in unendlichen Ausmaß wird einem entgegenkommen, man wird sich vor lauter Liebe und Dankbarkeit nicht mehr retten können. Fast versprochen!

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